Draquila – Sabina Guzzanti

Raphaël Rück – Am 6. April 2009 bebt die Erde in L’Aquila. Es gibt mehr als 300 Tote. Noch ein Jahr danach haben mehr als 50’000 Personen kein eigenes Dach über dem Kopf.

Draquila

Sabina Guzzanti, investigative freelance Reporterin, macht dem Caveliere die Hölle heiss. In ihrem 99-minütigen Dokumentarfilm zeichnet sie die Umrisse der erschreckenden Machenschaften des italienischen Ministerpräsidenten rund um das tragische Erdebeben in L’Aquila. Der Titel – eine Kombination aus Dracula und L’Aquila, der verheerten italienischen Stadt in Abruzzen– gibt den Ton an: Es geht um einen mächtigen Herrscher, der am Blut seiner Untertanen saugt.

„E per Berlusconi era una giornata di merda“ – Sabina Guzzantis Worte gehen unter die Haut. Als Staatsoberhäupte und Presse aus allen vier Himmelsrichtungen anfliegen, entschliesst sich die ehemalige RAI Journalistin die Ereignisse vor Ort selber mitzuverfolgen. Mit einem Kameramann durchstreift sie in den folgenden Monaten Stadt und Notlager und sammelt Meinungen aus der Bevölkerung. Diese kontrastiert sie mit öffentlichen Ansprachen von Seiten Berlusconis und seiner rechten Hand, dem Zivilschutzchef Guido Bertolaso. Kompromisslos kritisiert sie die Implikation des Zivilschutzes im Wiederaufbau der Stadt. Ein Unterfangen, das sich als reine Geldmacherei entpuppt: Das alte Stadtzentrum bleibt völlig sich selbst überlassen, während am Stadtrand moderne Wohnblöcke errichtet werden. Eine 70-jährige Frau – etwa inBerlusconis Alter – erzählt, wie sie ihren verehrten Präsidenten am liebsten umarmen würde. Der Cavaliere scheint seine Versprechungen gehalten zu haben. Seine Beliebtheit ist wieder angekurbelt, doch um welchen Preis?

L’Aquilas Innenstadt ist ausgestorben. Nur ein tapferer Rentner lässt sich nicht von seinem Haus fortjagen. Im Notlager steigt die Spannung an. Die Leute fühlen sich eingesperrt. Als die ersten Wohnungen pünktlich zu Berlusconis Geburtstag fertig gestellt werden, ist ein beträchtlicher Teil der Einwohner von L’Aquila noch gezwungen in Zelten zu wohnen. Vor dem Einkaufszentrum steht ein Zelt der Sozialdemokraten: Es ist leer.

Der Film ist ein Ausruf aus dem Lager der sonst so stillen Berlusconi Opponenten. Auch in L’Aquilas Neubauten wird die Stimmung langsam unerträglich. Das grosszügige Mobiliar, die Wände, alles gehört der „protezione civile“ und muss, falls beschädigt, ersetzt werden. „Wir trauen uns nicht mal einen Nagel einzuschlagen. Wir fühlen uns nicht zuhause“, beklagen sich die Bewohner der Neubauten.

Über die formalen Aspekte, wie die wiederholten und teilweise unübersichtlichen Schematas im amerikanischen Comicstil der 50er-Jahre, lässt sich diskutieren. Inhaltlich ist der Film jedoch ein Muss für alle Italienfreunde, welche die Ereignisse auf der schönen Halbinsel mit Argwohn mitverfolgen.

 

  • Dauer: 99 Minuten
  • Regie: Sabina Guzzanti
  • Darsteller: Sabina Guzzanti, Silvio Berlusconi
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