Les Emotifs Anonymes – Jean-Pierre Améris

Raphaël Rück – Wenn eine Hypersensible auf einen Hypersensiblen trifft, dann droht die Katastrophe. Wenn beide aber nichts von der extremen “émotivité” – zu Deutsch Emotionalität – des andern wissen, dann ergibt das eine bunte Mischung.

Les Emotifs Anonymes
Die wortwörtlich engelhafte Angélique Delange, interpretiert von Isabelle Carré, besucht eine Selbsthilfegruppe für hochempfindliche Menschen. Als sie während der ersten Vorstellungsrunde an der Reihe ist, wird sie ohnmächtig. Jean-René Van Den Hugde (Benoît Poelvoorde) gehört seinerseits zu den Menschen, die leicht ins Schwitzen geraten, bei klingenden Telefonen am liebsten davonlaufen würden und möglichst keinem Mitmenschen im Alltag ankommen, geschweige denn bewusst berühren!Jean-Pierre Améris hat die Geschichte aus seiner Lebenserfahrung geschöpft und mit einem belgischen Drehbuchautor in einer Brüsseler Teestube auf Papier gebracht. Nicht von ungefähr ist die Handlung auch in einer altmodischen “fabrique de chocolat” angesiedelt. Angélique kommt zum Jobinterview, will fliehen, wird jedoch rechtzeitig von einer Angestellten eingefangen, zum Patron, Monsieur Van Den Hugde, geleitet und ohne viel zu sagen eingestellt.

Fortan wird sie zum Spielball dessen werden, der von seinem Psychologen verschiedene Aufgaben auferlegt bekommt, wie zum Beispiel eine Frau zum Dinner einladen… Schrittweise nähern sich beide Protagonisten einander und können bis zum Schluss nicht anders als hypersensibel zu reagieren.

Das ganze spielt sich vor einer akribisch komponierten Kulisse ab, die ein Gefühl von Zeitlosigkeit erzeugt – einzelne Elemente, wie der traditionsreiche Familienbetrieb, erinnern an die 1950er-Jahre, andere, namentlich die Webcam, an die heutigen technologischen Errungenschaften. Améris mag klare Genreabgrenzungen sagt er und hat sich stark von angelsächsischen Liebeskomödien im Sinne Woody Allens inspiriert. Überhaupt erinnert der inszenierte Raum mit seinen Backsteinfassaden und einladenden Delikatessenläden eher an London. Auch die Musik ist stark von diesem Kulturhintergrund geprägt: Carrésingt ein Lied, das von THE SOUND OF MUSIC adaptiert wurde, Poelvoordes Auftritt in der herrlichen Restaurantszene wird von “You are my destiny” begleitet und der Film endet mit dem köstlichen Lied “Big Jet Planet” von Angus & Julia Stone.

Persönlich war ich von Madame Carré und ihrer bezaubernden Stimme geradewegs hingerissen.Poelvoorde, den man eventuell aus (dem Trailer von) ASTERIX BEI DEN OLYMPISCHEN SPIELEN in Erinnerung hat, stehe ich mit gemischten Gefühlen gegenüber, aber in LES EMOTIFS ANONYMES überzeugt er. Seine schauspielerische Leistung kann durchaus als mitleiderweckend bis rührend taxiert werden.

Also auch hier freudig überrascht und köstlich unterhalten.

  • Dauer: 80 Minuten
  • Regie: Jean-Pierre Améris
  • Darsteller: Isabelle Carré, Benoît Poelvoorde

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