Avé – Konstantin Bojanov

Raphaël Rück – Der Film des bulgarischen Newcomers Konstantin Bojanov trumpft mit einer guten Portion Realismus aus dem Osten und rührenden Figuren. Er erzählt vom “jung sein” und vom Selbstmord eines Freundes.

Kino: Avé
Am Strassenrand in der Banlieue von Sophia treffen zwei junge Leute beim Autostoppen aufeinander. Sie steigen in denselben Wagen und lernen sich im Laufe der Reise kennen. Avé die Diplomatentochter lügt ständig. Ihr spielerischer Umgang mit der Wahrheit bringt sie und ihren Weggefährten Kamen beinahe in Gefahr, als sie mit einem zwielichtigen Truckfahrer mitfahren.
Zu Besuch bei einer Trauerfamilie, deren Sohn sich das Leben genommen hat, gibt sich Avé als die Freundin des Verstorbenen aus. Kamen will sie zuerst denunzieren, sieht aber ein, dass er damit den grösseren Schaden anrichten würde.Das Roadmovie führt den Zuschauer von Sophia ins bulgarische Hinterland; zeigt Autobahnen, karge Landschaften, Bahnhöfe. Es gibt Einblick in ein wenig bekanntes Land, in Familien, die Selbstmord vertuschen und eine Sünde nennen, in das Leben junger Leute, die nicht immer so recht wissen, warum sie leben: Avélina, die von Zuhause abgehauen ist, um ihren drogensüchtigen Bruder zu suchen. Kamen, der eben seinen Freund aus der Kunstakademie verloren hat und sich hilflos an seine Zigaretten klammert.Konstantin Bojanov, der in Sophia und London studierte, gibt mit diesem Spielfilm sein beeindruckendes Debüt. Obwohl der Künstler auch schon für experimentelle Filme sowie Videoinstallationen zeichnete, weist sein Film eine stilvolle Nüchternheit aus, die an den rumänischen Realismus erinnert (vgl. 4 months, 3 weeks and 2 days von Cristian Mungiu).
Die Stationen der Handlung sind lose verknüpft, einziger roter Faden ist zunächst die Strasse, dann die Beziehung der zwei Protagonisten. Erfrischend ist auch die Ehrlichkeit mit welcher Bojanov die beiden talentierten Jungdarsteller filmt, rühmenswert die Art, wie er die Sexualität der Teenager thematisiert. Er zeigt sie offen und intim.

Avé ist ein Film für “Kinoreisende”, die ein neues Land entdecken wollen (in dieser Hinsicht sei auch auf den grandiosen Silent Souls aus Russland hingewiesen, der leider nicht mehr in unseren Kinos läuft), aber durchaus auch ein europäischer, globalisierter Film, in dem ein deutscher Opa sein Bulgarisch vergessen hat, eine junge Bulgarin in Dehli lebte und ein Bruder “in Hollywood filme dreht”…

  • Dauer: 88 Minuten
  • Regie: Konstantin Bojanov
  • Darsteller: Anjeva Nedyalkova (Avé), Ovanes Torosyan (Kamen)
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