Sister – Ursula Meier

Raphaël Rück – Ursula Meiers zweiter Film ist die Geschichte einer irrenden jungen Frau und eines unerschrockenen Jungen, der sich in Verbier haufenweise Skier unter den Nagel reisst. Sister (Silberner Bär bei der Berlinale 2012) zeigt eine benachteiligte Schweiz, abseits der Schönen und Reichen und doch mitten drin.

Sister – L'enfant d'en haut

Im WC eines Walliser Skiresorts eingeschlossen, leert Simon (Kacey Mottet Klein) Rucksäcke von Touristen. Wer anklopft, wird mit dem lapidaren: “Je fais caca Monsieur”, zurechtgewiesen. Mit seiner Beute fährt er ins Tal runter und schleppt Skier und gestohlene Ausrüstungen auf seinem roten Bob durchs karge Rhonebett. Gemeinsam mit seiner “Sister” (Léa Seydoux), lebt er am Rande der Autobahn in einem grauen Betonkubus.

Strasse, Wohnblock, vorbeirauschende Autos – erste Erinnerungen an Ursula Meiers Home werden wach. Kacey Mottet Klein, der schon da einen sehr authentischen Sohn lieferte, übernimmt hier die Vaterrolle. Er kommt für Essen und Haushalt auf und zahlt für Umarmungen. Die Kamera bleibt stets dicht am Geschehen: Teils wie durch eine unsichtbare Hand verwackelt, teils wie in der Schwebe um den einsam in der Ebene ragenden Turm kreisend – ein Bauwerk, das mit dem Haus aus Home einen roten Faden durch das Werk der vielversprechenden Regisseurin zieht.

Diese hat sich nach der bewährten Isabelle Huppert einen weiteren französischen Star an Bord geholt: Nämlich die reizende Léa Seydoux, die aktuell im Les adieux à la reine an der Seite von Diane Krugerzu sehen ist. Meier filmt sie nicht wie andere Regisseure als ein Objekt der Begierde, sondern hüllt sie in billige Provinzklamotten und verpasst ihr ein Veilchen. Innerlich zerstört, wird ihre Louise im Laufe der Handlung von Simon immer abhängiger. Er wiederum sucht sich die verweigerte Liebe bei einer wohlhabenden englischen Touristin (Gillian Anderson, bekannt aus X Files), die scheinbar mütterliche Gefühle für ihn entwickelt – bis auch sie bestohlen wird.

Erbarmungslos wird der kleine Simon mit dem Stationsmüll ins Tal gefördert – Louise steigt mit einem Putzteam herauf, um Chalets zu säubern. In der Vertikale aufgebaut und durch die Wechsel zwischen Pomp des Gipfels und Armut des Tals rhythmisiert, schafft Meier hier den Spagat zwischen Neorealismus und Fabelfilm.

Sie zeigt die Kehrseite der Skiresorts – Orte, die von vornherein nicht für alle zugänglich sind und deshalb zu den sichersten der Welt gehören. Sie zeigt unbarmherzige, brutale Snobs, aber sie zeigt auch ein von Kindern regiertes Märchental, wo Sozialstaat und Polizei total ausgeblendet bleiben. Ihr Film lässt Zeit zum Nachdenken, zum Einfühlen, aber auch zum Bewundern, beispielsweise als der kleine Simon auf einem Schlepplift zwischen Himmel und Erde balanciert.

Bewertung: 5 von 5

Hier gehts zum Interview mit der Regisseurin

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s