Les Bien-Aimés – Christophe Honoré

Raphaël Rück – Christophe Honoré hat eine Schwäche für Musical-Filme. Sein neustes Arrangement, “Les Bien-Aimés”, läuft nach der letztjährigen Premiere in Cannes endlich in der Deutschschweiz an. Ein Lektüreversuch des “philsophe-réalisateur”.

Kino: Les Bien-Aimés von Christophe Honoré
(Tipp: Der Artikel liest sich wunderbar mit Safaris Reader-Funktion)

Honoré ist ein Mittdreissiger, nun seit über zehn Jahren Wahlpariser, kommt jedoch ursprünglich aus der Bretagne und besuchte eine Filmschule in Rennes. Er ist neben seinem Filmschaffen auch Autor von verschiedenen Büchern, u.a. von Jugendliteratur, und Filmdozent an einer Kunsthochschule. Soviel zu seiner Person.

Als Inspirationsquellen nennt er Les Demoiselles de Rochefort von Jacques Demy oder den vielgepriesenen Truffaut – in den Bien-Aimés zitiert er auch explizit dessen Vorliebe für zierliche Frauenbeine und widmet den Film der 2011 verstorbenen Truffaut Darstellerin Marie-France Pisier (s.L’amour en fuite, F 1979). Von Demy übernimmt er diesmal die damals an der Seite ihrer Zwillingsschwester beginnende Catherine Deneuve und lässt sie wieder singen.

Doch auch andere “actrices chantantes”, wie er seine Schützlinge beschreibt, hat sich Honoré an Bord geholt. Neben Chiara Mastroianni, Tochter der französischen Ikone Deneuve und des italienischen Weltstars Marcello Mastroianni, singen auch Ludivine Sagnier und Louis Garrel, alle drei feste Mitglieder der Honoré-Crew.

Wieso er missfällt

Heute im 20 Minuten erschien eine vernichtende Mikrokritik zum Kinostart von Les Bien-Aimés. Zugegeben der Film wirkt überladen und überstilisiert: zu viele perfekt zueinander passende Stöckelschuhe, zu verschieden die Farbpalette von Paris, Prag, London und Montreal. Und dann soll man sich noch diese “kitschigen” Chansons antun?

An dieser Stelle muss Alex Beaupain, der für die Filmmusik verantwortlich zeichnet, in Schutz genommen werden. Seine Lieder mögen in einfacher Sprache getextet sein, doch schwingt bei ihm immer eine tiefe Melancholie mit. Nicht zuletzt in Chansons der Liebe (Les chansons d’amour) stellte er seine simplen Melodien im Dienst der zaghaft-brüchigen Stimmen von Garrel und Co. und trug beträchtlich zu diesem meiner Ansicht nach kleinen Meisterwerk bei.

Honorés Adaption von La princesse de Clèves (klassische Pflichtlektüre französischer Schüler) für Arte stiess ebenfalls auf harte Kritik: “zu künstlich”, “bürgerliches Melodrama” liest man in einer Kritik. Aber hier soll nicht weiter über Details geschrieben werden, wie z.B. Léa Seydoux durchaus artifizielle Inszenierung als Objekt der Begierde (hervorragend ist sie übrigens in Sister).

Honoré hat seine Makel, so auch sein bemerkenswerter Non ma fille tu n’iras pas danser. Auch in diesem für seine Verhältnisse eher klassischen Film kommt die grossartige Chiara Mastroianni zum Zug. Auf der Leinwand überzeugt sie mit Normalität und Zerbrechlichkeit, die zu rühren vermag. Sie gibt dort das Porträt einer modernen Frau – hin und her gerissen zwischen Arbeit, Kinder, und Selbstverwirklichung.
Ebenfalls modern ist ihre Rolle in Les Bien-Aimés, wo sie sturr einem schwulen Schlagzeugspieler nachrennt und ihn um ein Kind bittet. Beides Figuren, die sich idealtypisch im Licht des zeitgenössischen Gender-Diskurs reflektieren lassen…

Les chansons d’amour, F 2007 (Ludivine Sagner, Clotilde Hesme, Louis Garrel)

La belle personne, F 2008 (Léa Seydoux)
Non ma fille tu n’iras pas danser, F 2009 (Chiara Mastroianni)

P.S: Obwohl nur mässig von “Les Bien-Aimés” angetan, habe ich mit diesem kleinen Werkabriss doch noch meine Stimme im grossen Internetgeplauder für Honoré eingelegt.

  • Dauer: 145 Min.
  • Regie: Christophe Honoré
  • Darsteller: Chiara Mastroianni, Catherine Deneuve, Ludivine Sagnier, Louis Garrel, Milos Forman, Paul Schneider, Michel Delpech
  • Arte-Review
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