The Grand Budapest Hotel

Raphaël Rück – Wie ein feinjustiertes Uhrwerk ruft jede Szene in Wes Andersons neustem Kuriosum nach der nächsten, jede Geste wird mit einer Kamerabewegung verstärkt, jedes Wort mit einem prachtvollen Dekor bebildert. Der Redeschwall der Akteure prasselt in höchster Kadenz auf den Zuschauer nieder, dass man Gefahr läuft den Faden zu verlieren.

Der Film wird von Tom Wilkinsons kitschiger Erzählerstimme eingeleitet, die dem Trailer eines Hollywoodklassikers der 40er-Jahre entsprungen zu sein scheint und fährt in rasendem Tempo mit einer Vorstellung der Charaktere – allesamt von einem hochkarätigen Starensemble gespielt – fort. Auch die kurze Verschnaufpause, als die zwei Protagonisten vor dem Bild Boy with Apple stehen bleiben und keine weißen Untertitel am Bildrand aufflackern, ist trügerisch. Das Gemälde – übrigens ein Phantasieprodukt des Regisseurs – fungiert als zentraler Katalysator der Erzählung.

Laut Testament vermachtet die adlige Madame D. (Tilda Swintons) das kostbare Erbstück ihrem geliebten Hotelinhaber M. Gustave (Ralph Fiennes). Dem gelingt es mit Hilfe seines Lobby Boys (Tony Revolori) das Kunstwerk vom “Schloss Lutz” – eine weitere prächtige Hintergrundkulisse – zu entwenden. Doch Dmitri (Adrien Brody), der Sohn der Verstorbenen, sowie der zwielichtige Jopling (Willem Dafoe) wollen nichts von den letzten Wünschen der Madame wissen. Während letzterer dem mutmaßlichen Mörder, Serge X. (Mathieu Amalric), nachspürt, fordert Dmitri das Gemälde im mittlerweile unter der Herrschaft des ZZ-Regime stehenden Grand Budapest Hotel zurück.

The Grand Budapest Hotel erinnert an die Welt der Grand Hotels des späten 19. Jahrhunderts. Dabei fehlt es weder an filmischen noch an literarischen Vorbildern. Der Schweizer Regisseur Daniel Schmid, gab beispielsweise mit Zwischensaison (CH/F/G, 1992) einen Einblick in dieses geschlossene kosmopolitische Milieu, indem er als Sohn einer Bündner Hotelierdynastie aufwuchs. Auch Kubricks Overlook-Hotel in The Shining beruft sich auf diese vergangene Ära. Doch das große Vorbild bleiben Stefan Zweigs Novellen, namentlich Brennendes Geheimnis,  in der ein Wiener Baron auf dem Semmering, ein beliebter Kurort der österreichischen Noblesse, Urlaub macht.

Wes Andersons Filme sind ein Augenschmaus für Ordnungsfreaks und Illustratoren (sein Bruder scheint wieder am Werk gewesen zu sein), aber auch für Kunsthistoriker und Sprachwissenschaftler, für Architekten und Bühnenbildner, um nur ein paar wenige zu nennen. Wieso? Weil bei ihm die Zeichen zu überquellen drohen und trotz einer scheinbaren Über-Strukturiertheit sich jedem analytischen Blick entziehen. Er katapultiert uns in Interieurs der 30er-, 40er, 60er-Jahre, kombiniert Owen Wilsons Texaner-Akzent mit Ralph Fiennes theatralem British English und wagt sich an das dunkelste Kapitel der jüngeren europäischen Geschichte mit einer Leichtigkeit, deren Geheimnis nur die Amerikaner zu kennen scheinen. Dafür, dass er überwältigt und gleichzeitig begeistert, dafür ist The Grand Budapest Hotel lobenswert und sehr weiterzuempfehlen.

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