IDA – Schöne Bilder u.a. über den Judenmord

Drei Buchstaben, die zum poetischen Spiel einladen: IDA wie ITEM, wie ALDI, aber auch wie IDEE. Kurz und bündig wie das spanische “aqui”: Hier. There you go. Voilà. Was soll man ‘DA noch groß sagen?

Ida, London Film Festival 2013

Vielleicht, dass mal Juden massenweise ermordet wurden. Dass wir uns allzu oft dem schrecklichsten Massenmord der jüngeren Geschichte dieses Kontinents zu entziehen versuchen und dass IDA nochmal die kollaborierenden Polen vor den Pranger stellt – genauer gesagt, einen polnischen Bauern, der zwei Eltern und ihrem Sohn das Leben nahm bevor er sie im Wald begrub. Die neugeborene IDA blieb verschont.

 

ITEM

Im bernischen Dialekt gleichbedeutend mit “wie dem auch sei”. Tausende wurden getötet. Claude Lanzmann ließ in seinem Film Shoah noch mal Überlebende Opfer und Täter sprechen. Ich habe mir nur Ausschnitte davon angeschaut und geblieben ist mir ein imaginiertes Bild, das im Film beschrieben, aber nicht gezeigt wird: Ein Feld, das sich von den Verwesungsgasen der darunter liegenden Leichen wellenförmig krümmt. Da schalte ich wieder aus. Vielleicht finde ich eines Tages den Mut.

In seinem Buch “De l’air volé”, wörtlich übersetzt “Über die gestohlene Luft”, wagt sich der Dichter Pierre Voélin an die unsägliche Katastrophe und trotzt damit Adorno, der das Ende der Poesie nach Auschwitz verkündete:

Et c’est bien cette sorte de honte partagée – elle est universelle, elle est fondamentalement européenne, et d’abord allemande –, qui conduit le poète que je suis à la plus grande humilité: on ne peut plus risquer la parole de poésie comme si l’homme n’avait pas montré ce visage d’épouvante. Ici je me sépare, je ne veux plus rien savoir des poétiques innocentes.1

Pierre Voélin

ALDI

Man kann nicht durch die Straßen Berlins fahren ohne die Bombardements zu vergessen. Die Stadt von vor 1945 lassen nur noch einzelne Ruinen erahnen – ein Stück Fassade des Anhalter Bahnhofs, Reste von klassischen Säulen beim Halleschen Tor oder der unter Glas stehende Kaisersaal am Potsdamer Platz, um nur einige zu nennen. Seit einem Jahr versuche ich das Berlin, das es nicht mehr gibt, zu rekonstruieren. Heute gehören Aldi, Mauerreste, Hipster und Türken zum Stadtbild, aber auch die Stolpersteine oder der katholische Friedhof in meiner Straße an dessen Tor steht: “Dieser Friedhof diente während des Kriegs als Arbeitslager” etc. etc. etc.

 

IDEE

Der Mann hinter der Kamera scheint in IDA von einer klaren ästhetischen Idee beflügelt zu sein. Jede Einstellung ist komponiert, jedes Schwarz, Grau, Hellgrau, Weiß durchdekliniert. Ida und ihre zwei Bettnachbarinnen sind angeordnet wie in einem Meisterwerk der Renaissance. Der mörderische Wald ist in der Tiefe inszeniert, die Bäume in der Ferne werden unscharf. Und als der Bauer der starken Wanda, Idas Tante, den ausgegrabenen Schädel ihrer Schwester überreicht, da hört der Film für mich auf. Da ist alles gesagt. Schrecklich schön auf den Punkt gebracht. Das Ende kann man sich sparen.

 

Raphaël Rück

 

[1] Und es ist gerade diese geteilte Scham – sie ist universell, durch und durch europäisch und vor allen Dingen deutsch–, die den Dichter der ich bin zur größtmöglichen Demut führt: man darf kein poetisches Wort mehr schreiben, als ob der Mensch nicht sein schrecklichstes Antlitz gezeigt hätte. Hier verabschiede ich mich, ich will nichts mehr über unschuldige Dichterkunst wissen. (eigene Übersetzung)

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One thought on “IDA – Schöne Bilder u.a. über den Judenmord

  1. Ida est un très beau film qui montre surtout le doute d’une jeune femme dont la vie bascule en l’espace de quelques jour, suite aux révélations sur ses origines… le film dégage une grande poésie, très touchante… Il faut aussi le voir sous cet aspect à mon avis…

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