Die Venus im Pelz

Venus-7

Wie nach einem Startschuss prescht die Kamera nach vorne. Quer durch eine von Bäumen umkränzte Pariser Promenade vorwärtsrollend und von Schlaginstrumenten begleitet, biegt sie nach einigen Metern rechts ab und wird durch die Türen eines Theaters geschleust. Drinnen telefoniert der Bühnenautor und Regisseur, Thomas Novacek (Mathieu Amalric), als gerade eine durchnässte blonde Frau eintritt. Von da an spielt die auf David Ives Theaterstück basierende Handlung ausschließlich im begrenzten Innenraum zwischen Zuschauerrängen, Bühne und Kulisse, die Roman Polanski sehr geschickt inszeniert. Ständig schafft er neue Einstellungen von der facettenreichen Emmanuelle Seigner, die abwechselnd eine schlampig-vulgäre Schauspielerin und lebensechte Verkörperung von Sacher-Masochs Romanfigur, Wanda, gibt.

Mit ihrem rüpelhaftem Jugendslang stößt sie zunächst auf Abneigung des Regie führenden Thomas. Er ist von einem gescheiterten Casting entnervt und will nach Hause. Als sie in ihr Kostüm schlüpft und ihre ersten Zeilen rezitiert, gerät er aus der Fassung: Hat er es etwa mit einer Erscheinung der göttlichen Venus zu tun? Kurze spannungssteigernde Musikeinsätze unterstreichen seine wachsende Faszination für die schöne Blonde, die ihn peu à peu um den Finger wickelt bis er seiner eigenen Phantasie zum Opfer fällt.

Immer wieder hält Wanda im Text an und kommentiert das Stück in derber Sprache. Es gehe doch um Kinderschändung und Misogynie und im Grunde genommen stehe Thomas nur auf den griechischen Aristokraten mit dem weißen Schimmel, von dem im Stück die Rede ist. Die ambivalente Figurenzeichnung Wandas eröffnet dem Zuschauer eine Metaebene, die Sacher-Masochs Werk von 1870 zur Diskussion stellt. War er ein Frauenhasser? Thomas möchte, dass die endlosen soziologischen Erklärungsversuche unserer Zeit aufhören. Polanski, der seiner Protagonistin die Psychoanalysten-Brille aufsetzt, sie  in SM-Latexanzug kleidet, und zum Schluss sogar auszieht, scheint nicht viel von eindimensionalen Interpretationen zu halten. Er legt verschiedene Fährten und sogar die Schlussszene ist voller Ambiguität: Nackt, nur das Nötigste hinter einem Zobelfell verbergend streckt Emmanuelle Seigner – Roman Polanskis Ehefrau –  die Zunge aus. Ihre Fratze erinnert an gotische Wasserspeier. Im Strahl eines Scheinwerfers, umhüllt von Rauch, vollzieht sie einen antikisierenden Tanz und wirkt dabei unheimlich ironisch, wenn nicht sogar zum Lachen komisch.

Raphaël Rück

 

Artes Bericht beim Festival von Cannes 2013:

https://www.youtube.com/watch?v=5HnUbQ2BZ6o

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