Tiefe Wassser (Floating Skyscrapers)

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Michał (Bartosz Gelner), ausgesprochen Micha-u-l mit einem kratzigen “ch” – wie wenn Schweizer hochdeutsch sprechen oder Spanier “hello” sagen – so heißt das Objekt der Begierde im zweiten Spielfilm des 34-jährigen polnischen Regisseurs Tomasz Wasilewski. Der Schönling gleicht Hurd Hatfield in DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY (R: Albert Lewin, USA 1945) und seine Anziehungskraft schöpft aus der gleichen Trickkiste: Kantiges Gesicht mit hohen Wangenknochen, dunkle Augen, perfekter Seitenscheitel, ein wenig wie der idealisierte Westler in einem japanischen Manga. Seine blonde und blauäugige Kontrahentin namens Sylwia (Marta Nieradkiewicz) könnte ihrerseits Kalender-Girl sein und wird wie eine Trophäe von Leistungsschwimmer Jakub (Mateusz Banasiuk) liebkost, der mit ihr und seiner Mutter in einer kleinen modernen Warschauer Wohnung wohnt. Doch Sylwias “Kuba” verfällt entgegen allen Regeln und Zukunftsplänen dem Charme des hübschen Jünglings. Bei einer Vernissage sieht sie von Anfang an misstrauisch dabei zu, wie er sich Michał knabenhaft scherzend annähert. Später versucht sie ihn von einem überstürzten Wiedersehen abzuhalten, verbringt sogar ein bloßstellendes Camping-Wochenende mit beiden und will es doch nicht wahrhaben: Sie glaubt weiterhin standhaft an die Übermacht des heterosexuellen Models. Als alles auffliegt, das mütterliche “du kannst mir das nicht antun” gefallen ist und Sylwia mit einer angeblichen Schwangerschaft ihren letzten Trumpf ausspielt, macht Jakub, was er am besten kann. Er taucht unter.

In der Anfangsszene klingt die Tonkulisse der Unterwasseraufnahmen von Schwimmern herrlich dumpf und Bass-lastig. Eine ähnliche Atmosphäre versprühen auch die mit elektronischer Musik unterlegten nächtlichen Streifzüge der beiden Männer durch Warschau: In Slow Motion (sie sind von Marihuana benebelt) fahren sie wie im Kreis Etage für Etage in einem Parkhaus ab. Etwa in der Mitte des Films bleibt Jakub während eines Wettkampfs auf halber Strecke stehen. Der Ton wird zum Spiegel seines inneren Wandels. Man hört die Zuschauer am Rande des Beckens ihren Favoriten anfeuern. Die Geräusche der Außenwelt verstummen allmählich und als wäre die Verbindung zwischen ihm und der Gesellschaft, in der er sich bisher bewegte, gekappt worden, vernimmt man plötzlich nur noch sein lautes Ein- und Ausatmen.

In Wasilewskis Film wird schwule Liebe als Tabubruch und überwältigende Triebbefriedigung konzipiert, deren Weiterführung für Jakub nicht vorstellbar ist. Er lässt sich rein instinktiv auf Michał ein, der seine Sexualität bereits angenommen hat und ansatzweise in seinem Umfeld auslebt. Sylwia verkörpert ihrerseits die katholisch-patriarchale Repression, die in Polen vorherrscht. Wasilewski weist seinen Figuren somit klare Schranken zu und kreiert ein Narrativ der “unmöglichen Liebe”, dessen Spannung wir aus Literaturklassikern wie “Romeo und Julia” oder “Kabale und Liebe” kennen. Mit der dramaturgischen Verquickung von Sylwias stummen Leid, Jakubs introvertierter Verzweiflung und Michałs offenerem Identitätskampf wird der Zuschauer zusätzlich einem enormen psychologischen Druck ausgesetzt.

Die Edition Salzgeber, ein Filmverleih, der sich auf Queer Cinema spezialisiert hat und einen wichtigen Beitrag zur Emanzipation von Schwulen und Lesben in Deutschland leistet, bringt den polnischen Skandalfilm in unsere Kinos und verzichtet dabei leider auf den poetischen Originaltitel PŁYNĄCE WIEŻOWCE, wörtlich übersetzt: Schwimmende Wolkenkratzer. Der Film heißt nun TIEFE WASSER und erinnert daran, dass es noch viele tiefe und vor allem gefährliche Wasser für Schwule und LGBTs auf diesem Planeten gibt. Foucault selbst würde sich in seinem Grab umdrehen, säh e er, wie verbreitet der heteronormative Diskurs noch ist und wie oft die homosexuelle Praktik pervertiert wird. Nach dem Sex mit seiner neuen Flamme kehrt Jakub zu Sylwia nach Hause und verspricht: Ich liebe dich. Darin liegt die Perversion. Deshalb gehören nicht die schwulen Liebenden auf das Filmposter, sondern die verlogenen.

Erstveröffentlichung in Indiekino, dem Magazin der unabhängigen Berliner Lichtspielhäuser: http://www.indiekino.de/film/de/plynace_wiezowce-floating_skyscrapers_schwimmende_wolkenkratzer

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