Filmkritik zum Joker (US/CA 2019) und Easy Love (DE 2019)

„Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren!” Pina Bausch

Augenscheinlich verbindet diese beiden Filme nicht viel. Weder das Genre – einerseits Horror/Marvel andererseits Dokufition – noch die Filmemacher. Todd Philips ist ein erprobter Hollywood-Blockbuster-Regisseur, während der deutsche Tamer Jandali mit Easy Love sein Filmdebut markiert. 

Um sie dennoch beide zu vergleichen, werde ich mich eines in beiden vorkommenden Elements bedienen, nämlich des Tanzes. Der Höhepunkt in der Dramaturgie erreicht der Joker mit dem Bathroom Dance (der geniale Soundrtrack stammt von Hildur Guðnadóttir) und dem anschliessenden Tanz auf einer endlos wirkenden Treppe. Joaquin Phoenix legt im ganzen Film eine einmalige Performance hin, die in diesen Tanzszenen kulminiert. Der Schauspieler hat für diese Rolle beträchtlich abgenommen. Sein hohler Bauch sowie die eingefallenen Schultern unterstreichen eine Körperlichkeit der psychischen und physischen Versehrtheit. Natürlich ist der Joker ein Antiheld par excellence. Ein Psychopath, der uns fasziniert und dessen unangenehmen Lacher und verrückte Tanzbewegungen uns unterhalten. Ganz ohne Psychologie lässt sich jedoch kein Hollywood-Bösewicht verstehen – anders bei Michael Haneke in Funny Games z.B., wo das Böse aus reiner Langeweile entsteht – und der Film gibt uns den altbekannten Leseschlüssel der traumatischen Kindheit: Der Joker wurde als Kind von seinem Stiefvater missbraucht und die Mutter war abwesend. Diese Hintergrundgeschichte sowie die Unsicherheit darüber, ob sein Vater Thomas Wayne ist, so wie es die labile Mutter behauptet, lassen uns sogar Empathie für diesen psychotischen Robin Hood entwickeln, der die Armen in Schutz nimmt und Reiche mordet.

Ganz anders tanzen gewisse Figuren in Easy Love, einem Indiefilm über Liebesbeziehungen junger Deutscher, die sich selber spielen. Was sofort am Film auffällt, ist wiederum der Score. Der Song von Ezéchiel Pailhès, der treffend „Éternel été“ heisst, und Tanzszenen der jungen Liebhaber unterlegt z.B. oder noch Christian Löfflers Musik. Wir sehen sie in Clubs, auf Festivals, Waldpartys oder am Morgen danach im Wohnzimmer tanzen. Dabei wird keine grosse Tanzkunst an den Tag gelegt. Vielmehr geben Jandalis Protagonisten die üblichen Elektro-Dance-Moves zum Besten: Monotone Vor- und Rückwärtsbewegungen.

Der Totentanz des Jokers steht im Kontrast zum Lebenstanz dieser Figuren, die sich begehren und umwerben. Jandali erzählt eine Geschichte des Scheiterns. Ähnlich wie das Loser-Narrativ des Jokers gelingt es seinen Protagonisten nicht gesunde Beziehungen zueinander aufzubauen. Die vom Film angesprochene Problematik mag eine Generationenfrage sein, vielleicht ist es einfach die neue Normalität, jedenfalls hinterlässt der Film einen pessimistischen Eindruck. Keine der gezeigten Beziehungen scheint für die Dauer zu sein. Sophia prostituiert sich für Geld. Sie spielt die selbstsichere „Nutte“, sehr zum Missfallen ihrer feministischen Mutter, doch zeigt sie in einer Szene bei der Psychologin, dass sie nur so Bestätigung von Männern bekommt und bricht in Tränen aus. Zwei junge Frauen lassen uns in ihre homosexuelle Beziehung Einblicke bekommen. Die eine ist viel erfahrener als die andere und möchte nicht als Experiment benutzt werden. Parallel dazu bahnt sich zwischen dem Womanizer Sönke und Amelie eine nicht erwiderte Liebe an und die modernen Hippies Stella und Nic geben ihr Bestes, um eine gesunde offene Beziehung zu führen bis ines Stella zu viel wird und sie sich im Club volllaufen lässt.

Pina Bausch meinte: „Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren“. Dieser Spruch, den Wim Wenders in seinem Film über die grosse Choreographin wieder aufnahm passt auch zu diesen zwei Filmen. Der Joker tanzt, nachdem er gerade drei reiche Wall Street Männer umgebracht hat und vor seinem TV-Auftritt, weil er siegessicher ist. Die Figuren in „Easy Love“ tanzen sich frei von ihren Sorgen. Nach dem Tanz lassen sie sich fallen, fangen Kuschelrunden oder Sex miteinander an. Der Film dringt in ihre Intimität ein und wirkt manchmal beinahe voyeuristisch. Das mag in der heutigen Porno-Epoche nicht mehr schockieren, doch fragt man sich schon, was der erzählerische Mehrwert solcher Sexszenen ist. Mir hat vielleicht ein ganz banal funktionierendes Paar als Kontrast zu diesen utopischen Beziehungsversuchen gefehlt und ich habe einfach schon bessere Filme zum Thema gesehen, wie zum Beispiel „Europe She Loves“ (CH 2016) von Jan Gassmann, der nicht nur intim, sondern auch hoch politisch ist. 

Es geht mir nicht darum zu sagen, ob es sich nun eher lohnt Joker oder Easy Love anzuschauen. Beide sind sehenswert und beide müssen mit anderen Massstäben gewertet werden. Das Spiel von Phoenix wird ihm möglicherweise einen Oscar bescheren. Noch nie war er so gut und all seine Bösewichte – Commodus der Kaiser in Gladiator z.B., der seinen Vater umbringt und seinen Neffen sehr pädophil anschaut oder der korrupte Gangster in James Grays The Yards – finden sich im alles überragenden Joker wieder. Der Film ist teils unglaublich gewaltverherrlichend, teils einfach nur schrecklich schön. Easy Love ist ein interessanter dokumentarischer Versuch, ein Bild der heutigen Beziehungs- und Sexproblematiken zu geben.

Sommerfilme

Der Sommer ist wieder da und mit ihm rückt das Locarno Film Festival, der Highlight für Filmafficionados in der Schweiz, immer näher. 

Bevor ich mich im August nach Locarno begebe, geniesse ich noch ein paar Filmsichtungen zuhause. Ins Kino komme ich seit der Geburt unseres Sohnes nur noch ausnahmsweise und deshalb werde ich mich hier mit drei Dokus auseinandersetzen, die ich in letzter Zeit im TV oder am Laptop gesehen habe.

Standbild aus «Bauer Ramser und die Eritreer»

Einwanderungsland Schweiz

Als erstes möchte ich mich der auf SRF ausgestrahlten DOK «Bauer Ramser und die Eritreer» widmen. 

In dieser anderthalbstündigen Dokumentation geht es hauptsächlich um Tesfu, einem Flüchtling aus Eritrea, und dem Ostschweizer Bauernbetrieb des Ehepaars Ramser. Diese haben trotz Meinungsverschiedenheiten mit ihren Söhnen – diese stellen lieber Osteuropäer ein – den Eritreern Tesfu, seiner Frau Merhawit und der 28-jährigen Rava eine Arbeit auf ihrem Hof gegeben. Über zwei Jahre hat das SRF-Team dieses Experiment begleitet.

Das Resultat ist eine sehr nuancierte Antwort auf Merkels couragierten Spruch «Wir schaffen das». Ja, wir (die Schweiz auch) schaffen das, aber ganz so einfach ist es nicht. Die Integration reimt hier mit Integration auf dem Arbeitsmarkt, wobei die mindestens genauso wichtige kulturelle Integration ein wenig kurz kommt. 

Tesfu muss körperliche Arbeit leisten. Bauer Markus ist eigentlich im Rentenalter und da kommen ihm die Flüchtlinge recht. Natürlich gebührt ihm Anerkennung. Er ist einer der wenigen, die Integrationsarbeit leisten. Zusammen mit seiner Frau bieten sie den drei-vier Eritreern nebst Arbeit auch Kost und Logis. 

Der Film zeigt gut, dass sich jeder Mensch anders in einer fremden Gesellschaft integrieren kann. Während Tesfu die Landwirtschaft entspricht und ihm mit Nachhilfe in Deutsch auch ein Diplom gelingt, sagt Merhawit die Arbeit auf dem Feld nicht zu. Trotz Unterstützung von Markus’ Frau in Deutsch und auch in der Kinderbetreuung – Tesfu und Merhawit werden im Verlauf der Dreharbeiten Eltern – klappt es zwischen ihr und dem Hof nicht.

Die Doku ist emotional und zeigt einen gutmütigen Bauern und dessen Versuch, die Welt ein wenig besser zu machen. Wenn auch nicht alles gelingt, können uns Ramsers als Vorbild dienen. Hier ein Link zum Film: https://www.srf.ch/play/tv/redirect/detail/12e3c80e-bad1-4303-8bd8-12f3e410734b

Standbild aus «Versailles – Palast des Sonnenkönigs»

Touristenhotspot Versailles

Vergangenen März war ich in Versailles. Das gigantische Schloss und die mächtige Parkanlage hatte ich noch aus meiner Jugend in Erinnerung. Diesmal fokussierten wir unsere Besichtigung auf die Interieurs des Palastes. Der Garten war wetterbedingt geschlossen.

Dem Besucher präsentiert sich Versailles als ein überdimensioniertes Anwesen voller Gemälde und Skulpturen, wobei nicht immer klar ist, wie diese mit dem Sonnenkönig und seinen den zwei nachfolgenden Königen Louis XV und Louis XVI zusammenhängen. Das Schloss ist ja schliesslich auch ein Nationalmuseum und somit nicht mehr das, was es einmal war, nämlich Residenz des Königs und seines Hofs.

Auf arte.tv ist noch bis morgen eine 93 minütige Dokumentation zu sehen, die uns die letzten Visualisierungen dessen, was Versailles einmal war, bietet. Im Verlauf der Doku entdecken wir rekonstruierte Räumlichkeiten, wie dem «appartement des bains» des Sonnenkönigs und seiner Marmorwanne, die während dem Krieg seiner Majestät in Belgien über die Grenze nach Versailles transportiert wurde. Nebst Einblicken in die luxuriösen Gemächer seiner Mätressen lernen wir auch was über die Treppe der Botschafter, dem «escaliers des ambassadeurs», die von Ludwig von Bayern in seinem Schloss auf dem Chiemsee nachgebaut wurde. 

Für Besucher des grössten Schlosses Europas ist diese Doku sehr zu empfehlen. Sie gibt einen guten Überblick über die Baugeschichte, angefangen mit der Integration des Jagdschlosses von Louis XIII in den über 500 Meter langen Palast des Sonnenkönigs Louis dem XIV. Hier ein Link zum Film: 

https://www.arte.tv/de/videos/080101-000-A/versailles-palast-des-sonnenkoenigs/

Ergänzend dazu lässt sich auch eine kurze Reportage über die Stadt Versailles anschauen: https://www.arte.tv/de/videos/088509-000-A/versailles-eine-stadt-im-schatten-des-schlosses/

Freddy Buache in «Der Vermittler der 7. Kunst. Hommage an Freddy Buache», Sternstunde Kunst

Hommage an den Gründer der Cinémathèque Suisse

Freddy Buache ist am 29. Mai im Alter von 94 Jahren verstorben. Er war ein guter Freund von Henry Langlois, dem Gründer der Cinémathèque Française und des ebenfalls in der Schweiz grossgewordenen Jean-Luc Godard.

Die Doku ist kurz (51 min.) und zeigt uns Buache vor allem in seinen späten Jahren. Archivaufnahmen geben uns Einsicht in die ersten Räumlichkeiten der Kinemathek. Ebenfalls sehen wir Schwarzweiss-Aufnahmen von Buaches Frau, einer belgischen Journalistin, die von seinem ungehemmten Zeitungskonsum berichtet.

Buache gab in den letzten Jahren auch Vorlesungen zur Cinémathèque. Ich weiss von einer guten Freundin, die an der Uni Lausanne studiert hat, dass diese sehr gut besucht waren. Er selber sah sich vor allem als Vermittler der siebten Kunst. 

Wenn auch die Doku nicht ganz überzeugend ist – gerne hätte ich mehr über die Institution Cinémathèque erfahren – so ist sie eine schöne Hommage an eine wichtige Persönlichkeit der Schweizer Filmszene.

https://www.srf.ch/play/tv/sternstunde-kunst/video/der-vermittler-der-7–kunst-hommage-an-freddy-buache?id=9c7c269e-75ba-4c15-9c35-ff24a956bad6

Filmperle: «Saving Mr. Banks»

Walt Disney (Tom Hanks) und P.L. Travers (Emma Thompson)

Dieser unscheinbare Film von 2013, den ich einigermassen zufällig oder eher dank eines Algorithmus auf Netflix entdeckt habe, hat mich sehr beeindruckt. Einerseits wegen seiner zahlreichen autothematischen Bezüge zur Filmgeschichte und andererseits wegen der grossartigen Leistung der Schauspieler.

Fangen wir mit den Stars an: Emma Thompson in der Rolle der Mary Poppins Autorin P.L. Travers gibt eine britische „stuck up bitch“ vom feinsten – ein wenig erinnert sie an Gloria Swansons Performance in «Sunset Boulevard» – und Tom Hanks ist als Walt Disney grossartig, wie so oft.

Die 60er sind farblich wie wir sie kennen, nämlich knatschbunt. Die Kulisse wechselt vom Londoner Domizil der Autorin nach Los Angeles. In der Stadt der Engel wird Mrs. Travers von einem Chauffeur am Flughafen empfangen, der sie zu ihrem Ärger mit ihrem Vornamen Pamela begrüsst. Trotz oder gerade wegen ihrer eiskalten Art wird er im Lauf der Handlung zum einzigen Amerikaner, den sie ihren Freund nennen darf. 

Die zwei Hauptfiguren liefern sich einen nicht enden wollenden Machtkampf. Walt Disney, der seinen Töchtern versprochen hat, Mary Poppins zu verfilmen, hat seine Vorstellungen und die sind oft nicht im Einklang mit Mrs. Travers Ideen. Da Disney die Rechte für die Verfilmung nicht hat, muss er sich besonders anstrengen und lädt Mrs. Travers sogar zu einer privaten Tour von Disneyland ein.

Die Szenen in den Walt Disney Studios beruhen auf einer wahren Begebenheit. P.L. Travers war in den 60er-Jahren wirklich dort zu Gast. Die vielen Arbeitssitzungen wurden sogar auf Band aufgenommen und die Originalaufnahmen werden am Ende des Films eingespielt.

Ständig bekommt der Zuschauer Einblicke in die Vergangenheit der Autorin. Die Flashbacks, die sich visuell durch einen warmen Farbfilter vom Rest des Films abheben, spielen in ihrer Kindheit in Australien und liefern ein paar interessante Leseschlüssel bezüglich der Mary Poppins Geschichte. Mr. Banks, die titelgebende Figur, ist da auch zentral und allmählich wird klar, woher die Inspiration für Mr. Banks kam (Achtung Spoiler!): von P.L. Travers oder Helen Lyndon Goffs, wie sie mit Mädchennamen hiess, Vater.

Der Vater, im Film gespielt vom immer tragischen Collin Farell, ist also die Achillessehne der Autorin. Er war Alkoholiker, machte sich als Bankpräsident keinen guten Namen, starb an den Folgen von Tuberkulose und hinterliess eine Witwe und zwei Töchter. Daran konnte auch Aunt Ellie nichts ändern. Disneys Darstellung von Mr. Banks gefällt Mrs. Travers ganz und gar nicht, doch der co-scriptwriter Don DaGradi (Bradley Whitford) und die zwei Musical-Autoren Robert und Richard Sherman (B.J. Novak und Jason Schwartzman) heitern sie mit fröhlichen Songs wieder auf.

Zu Musik lässt sich Mrs. Travers überreden jedoch nicht zu tanzenden Pinguinen. Diese will Walt Disney animiert im Film einblenden. Da hört für Mrs. Travers der Spass auf. Sie packt ihre Sachen, verabschiedet sich von ihrem Freund Ralph (Paul Giametti), dessen Namen sie erst am Flughafen erfährt, und fliegt nach London zurück.

Der Film entwickelt sich entlang der Vorproduktionsphase des Films. Die Flashbacks werfen die grossen Fragen der Autorschaf auf: Woher stammt seine / ihre Inspiration? Wie viel Bezüge zum eigenen Leben sind in der Geschichte verwoben?

In diesem Fall scheinen die autobiographischen Bezüge klar. Im Laufe der Arbeit am Drehbuch von Mary Poppins wird die Autorin immer wieder mit ihrer Vergangenheit konfrontiert und zerbricht beinahe dran. Zu schmerzlich sind die Erinnerungen an den verstorbenen Vater, zu armselig war ihre Kindheit, um daraus einen Disney-Film zu machen.

Um Mrs. Travers doch für den Film zu gewinnen, bedarf es eines Besuchs von Mr. Disney höchstpersönlich in London. Während diesem erzählt Walt Disney über seine Kindheit in Missouri und seinem eigenen Vater, der Zeitungsmacher war und für den er tagein tagaus Zeitungen lieferte, auch unter den schlimmsten Schneebedingungen, sodass er danach kaum in der Schule aufmerksam zuhören konnte. 

Diese Geschichte berührt Mrs. Travers und sie lässt sich überreden Disney die Filmrechte zu überschreiben. Bewusst lädt Walt Disney die Autorin nicht zur Premiere des Films im berühmten Chinese Theater ein. Nach einem Gespräch mit ihrem Agenten entscheidet sie sich trotzdem nach L.A. zu fliegen und ist vom Film, trotz der animierten Pinguine, sehr berührt.

Ähnlich ergeht es dem Zuschauer von «Saving Mr. Banks». Oft ist man den Tränen nah und nimmt den Hollywood-Kitsch des Films in Kauf. Den Filmemachern ist mit diesem Film nämlich ein Film über das Filmemachen in Hollywood und ganz allgemein über den kreativen Prozess einer Autorin gelungen. Nicht nur die vielen Referenzen zur Disney-Geschichte und der Verfilmung von 1964 mit Julie Andrews und Dick Van Dyke, sondern auch die historischen Flashbacks in Australien sind wertvoll, um die Welt der P.L. Travers und ihrer Mary Poppins besser zu verstehen.

Bericht von der Berlinale 2019

Elâ und ich waren auch dieses Jahr an der Berlinale und haben uns durch Fatih Akins Horrorfilm «Der goldene Handschuh» gequält. Der Film ist eine fiktive Nacherzählung der grausamen Morde eines Serial-Killers im Hamburg der 70er-Jahre. Akin lässt kein Detail aus und zeigt rohe Gewalt, die kaum auszuhalten ist. Manchmal wirken die Szenen beinahe absurd, sodass man sie nicht mehr ernst nehmen kann (zum Glück), doch die Frage bleibt: Wieso macht man einen Film über so einen Menschen?

Ähnlich schwer mit an zu sehen war auch François Ozons «Grâce à Dieu», der auf ein aktuelles Gerichtsverfahren gegen einen französischen Pfarrer beruht. Dieser soll im Laufe seiner Pfarrerkarriere dutzende Kinder missbraucht haben. Der Film erzählt in drei Teilen aus der Sicht der Opfer. Die Schauspieler (Melvil Poupaud, Denis Ménochet, Swann Arlaud) sind grossartig und verkörpern drei unterschiedliche Männer – einen erfolgreichen, sehr katholischen Familienvater, einen coolen, Schlagzeug spielenden Mittvierziger und den jungen, ziemlich hoffnungslosen Emmanuel (Swann Arlaud). Man leidet mit den Figuren und muss erneut feststellen, dass die katholische Kirche ihre Arbeit nicht gemacht hat, indem sie diese pädophilen Taten einfach “vergeben” hat.

Auch bemerkenswert war die Retrospektive-Doku «Von wegen ‘Schicksal’» von Helga Reidemeister (DDR 1979) über eine arbeitslose und geschiedene Mutter, die von ihren Kindern –nicht ganz grundlos – fertiggemacht wird und versucht sich ein neues Leben aufzubauen. Und natürlich der schöne mongolische Steppenfilm «Öndög», der inmitten der europäischen Tragödien echt entspannend war. Wie der letztjährige «Agâ» erzählt er eine einfache Liebesgeschichte in einer atemberaubenden Naturkulisse.

Soviel zum Filmjahrgang 2018 – Frühjahr 2019. Mal sehen, was uns die nächsten Monate an filmischen Leckerbissen bringen…

From the cinema with love

Raphaël (&Elâ)

P.S: Gesehen haben wir noch den Casey Affleck Film «Light of my Life». In einer dystopischen Welt rennt er als Vater mit seiner Tochter, die sich als Junge ausgibt, von Haus zu Haus. Sie suchen bei einer Gruppe von Männern Unterschlupf. Es geht um Gender und um die verstorbene Mutter. Überhaupt sind die Frauen rar geworden und müssen geschützt werden. Oder doch eher die Männer?

P.P.S: Ach und bevor ich’s vergesse, soll auch noch «Kizkardesler» erwähnt werden. Nach «Sibel» (Locarno 2018) ein weiterer sehenswerter türkischer Film, der in der ländlichen Türkei spielt. Das Märchen erzählt die Geschichte eines Dorfes und das traurige Schicksal eines Dorfbewohners.

And the Oscar goes to…

Die Oscars 2019 sind vergeben und wieder mal war die Show ziemlich schlecht. Zum Glück bin ich dieses Jahr nicht wach geblieben. Letztes Jahr habe ich mir die ganze Show angeschaut und es hat sich ehrlich gesagt nicht gelohnt. Wer clever ist, schaut sich ein Tag später die Zusammenfassungen an, die verschiedene europäische Sender bringen. Sie geben ein Gefühl von der Award-Night und sind sehr kompakt.

Die Oscar-Gewinner des Jahres sind also…

  1. Beste Hauptdarstellerin: Olivia Colman
  2. Bester Hauptdarsteller: Rami Malek
  3. Beste Nebendarstellerin: Regina King
  4. Bester Nebendarsteller: Mahershala Ali
  5. Bester ausländischer Film: «Roma»
  6. Beste Regie: Alfonso Cuarón (Roma)
  7. Bester Filmsong: Lady Gaga
  8. Bester Film: «The Green Book»

(für die anderen Oscars siehe Wikipedia…)

Unter all den nominierten Künstlern (natürlich habe ich nicht alles gesehen) überzeugt mich eigentlich vor allem Alfonso Cuaróns Film «Roma». Dieser Film sowie auch «The Favourite» mit den grandiosen Damen Olivia Colman, Rachel Weisz und Emma Stone sind “must sees”. Die Queen-Verfilmung «Bohemian Rapsody» ist natürlich auch gute Unterhaltung, jedoch künstlerisch nicht auf dem Niveau der zwei anderen. «The Green Book» mag gut in die Diversity- und “politically correct”-Ära passen, in der wir leben, ist in weiten Teilen schlicht und einfach kitschige Hollywoodschnulze. Mich hat auch überrascht, dass die absolute Oscar-Diva, Meryl Streep, nicht da war und ein wenig enttäuscht war ich auch, dass weder Saorise Ronan noch Margot Robbie für ihre Rollen in «Mary Queen of Scots» nominiert wurden. So schlecht war der Film nicht!

Nun ist die Frage, ob man für einen Film wie «A Star is Born» mit Lady Gaga und von und mit Bradley Cooper ins Kino gehen soll. Vielleicht wartet man doch lieber auf den Netflix-Release. Die 18 Fränkli spar ich mir lieber für einen Festivalfilm am FIFF oder einen Cannes-Film im Mai dann.

Mary vs. Anne

Two queens are currently competing for audiences in swiss cinemas: «Mary Queen of Scots» and the fictional queen Anne in «The Favourite». Which one did you prefer?

If you want my opinion continue reading.

I am still very impressed by both performances. Saoirse Ronan and Olivia Colman are both great actresses and play their part magnificently. And let’s not forget the third queen: Margot Robbie, who plays Elizabeth in Mary Queen of Scots, and is very good too.

No, this comparison can’t be made about the acting. I think the biggest difference is the style of both movies. Both are set in the past, which is obvious. They are both so called Period Pieces set in different centuries though. «Mary Queen of Scots» plays in the mid-16th Century and «The Favourite» at least one Century later. This being said, they both wink at the present. Their protagonists are all women – hello Me-Too – and yes they are feministic. In both films, the world is ruled by women. In «The Favourite» two ladies, Lady Sarah played by the excellent Rachel Weisz and Abigail incarnated by Emma Stone, are competing for the favours of Queen Anne.

Of course men are plotting to gain influence over their monarch as well. In «Mary Queen of Scots» no man is to be trusted. Even Mary’s half-brother doubts her legitimacy and seeks alliances with England’s Elizabeth, who is herself paranoid about marriage and having children. Basically the “strong women” of the past have the same issues as those of the present. If you want a career you have to make sacrifices. And husbands and offspring are the biggedt threats especially for a queen pursuing her goals.

Let’s talk about the style. Whereas Mary is very historical and the dialogues sometimes very romanesque, the language in «The Favourite» is rough: “I like it, when she has her tongue in me”, says Queen Anne. I couldn’t tell if it is historically correct or not. However it’s crudeness is admittedly quite amusing.

Then there is the cinematography. I saw «Mary…» before «The Favourite» and I have to say that even though both are beautifully shot, «The Favourite» is cooler. Fish-eye, surveillance camera shots and lots of beautiful close-ups make a film that is very pleasing to the eye. In «Mary…» it’s more the scenery that is attractive, like the green Scottish hills and cliffs.

Now what if we focus on the dramaturgy? Here’s the biggest difference. On one side Beau Wilimon’s screenplay based on John Guy’s book “Queen of Scots: The True Life of Mary Stuart” and on the other Deborah Davis and Ton McNamara, who wrote the screenplay for «The Favourite». From a dramatic standpoint I prefer the way Mary was conceived. It starts and ends with what we all know about the Scottish Queen: her execution. Josie Rourke’s mise-en-scène of this scene is very aesthetic. First we see Mary waiting in her cell. Then she is lead through an assembly of Lords up to the scaffold where her servants rip off her black gown, making the red dress underneath visible. And you know what happens next. Bloody Mary!

Yes, both films are worth seeing, but. At the end of «Mary Queen of Scots» I felt more moved. «The Favourite» is cool, as are most of Yorgos Lanthimos’ films («The Lobster» 2015, «The Killing of a Sacred Deer» 2017) but it didn’t end properly. Something was missing. That’s why I prefered «Mary Queen of Scots». Not as cool as «The Favourite» but dramatically more interesting.

«Roma» – Eintauchen in das Mexiko City der 1970er-Jahre

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Die Einfahrt des Hauses in «Roma».

Im Film «Roma» von Alfonso Cuarón ( Y tu mamá también 2001, Gravity 2013) geht es um Frauen und um Kinder. Die Anfangssequenz ist eine Aufsicht auf die Einfahrt des Hauses einer eher wohlhabenden Familie. Eimer von Wasser werden über den Fliesenboden geschüttet. Es gilt den Hundekot wegzuwischen mit dem die Garage übersät ist. Schnell wird klar, wer das Haus einigermassen sauber hält: Die Haushälterinnen Cleo und Adela.

Beide sind indigènas. Hausherrin ist Siñora Sofía, Gattin des Dr. Siñor Antonio, der im Krankenhaus arbeitet und wie sich herausstellt nicht wirklich für eine Geschäftsreise in Québec verweilt.

Für Unordnung und Leben sorgen die vier Kinder: Toño, Paco, Pepe und Sofi.  Sie halten Cleo auf Trab, die ihre Freizeit am Liebsten mit Adela in den damaligen Kinopalästen von Mexiko City verbringt. Wir blicken ihr über die Schulter, während sie mit ihrem Liebhaber Bourvil und Louis de Funès in «La Grande Vadrouille» ( 1966) oder Astronauten im Weltall (Inspiration für «Gravity»?!) zuschaut.

Doch die Romanze währt nicht lange. Cleo kommt in andere Umstände… und der Vater ihres Babys will nichts hören. Er geht seiner Leidenschaft für Kampfsport nach und ist in den Studentenaufständen verwickelt.

Cuaróns zweistündiger Film vergeht wie im Flug. Immer wieder überrascht er den Zuschauer in scheinbar friedlichen Szenen mit höchstdramatischen Geschehnissen, wie z.B. als Cleo mit der abuela (Grossmutter) in einem Möbelhaus nach einer Kinderwiege sucht: Plötzlich schwenkt die Kamera über die Fensterfront und wir sehen blutige Studentenaufstände auf der Strasse.

Dieser dramatische Höhepunkt ist nicht der einzige Moment, der zu Tränen rührt. Im Film, der von den Frauen und Kindern getragen wird, sind Leben und Tod immer nah beieinander. In wunderschönem Schwarzweiss demonstriert Cuarón, was Filmkunst im Zeitalter von Arri Alexa (die beste digitale Kamera der Welt) und Netflix (Produzent des Films) bedeuten kann. Sein Film geht unter die Haut und die Figuren leben nach der Sichtung in uns weiter.